22. September 2016
Gedenktafel in der Kunsthalle

Rede von Barbara Schmidt, Fraktionsvorsitzende der LINKEN, zum Beschluss im Haupt- und Beteiligungsausschuss der Stadt Bielefeld, den Gedenkstein an Richard Kaselowsky aus der Kunsthalle zu entfernen.
22. September 2016


Barbara-Schmidt-grHerr Oberbürgermeister,

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Gäste,

Mit dem Beschluss, die Gedenktafel in der Kunsthalle auszutauschen und damit den Namen Richard Kaselowsky aus dem öffentlichen Gedenken zu entfernen findet heute ein beschämendes Kapitel der Bielefelder Stadtgeschichte ein vorläufiges Ende. Vor zwei Tagen hat bereits der Stadtentwicklungsausschuss endgültig die Umbenennung der Kaselowsky-Straße in Hochstraße beschlossen. Damit sind alte Forderungen der LINKEN in Bielefeld erfüllt. Trotzdem ist es wichtig, die Geschichte des Gedenksteins in der Kunsthalle und der Kaselowsky-Straße hier noch einmal kurz zu würdigen.

Vor 48 Jahren wurde die Bielefelder Kunsthalle unter dem Namen Richard-Kaselowsky-Haus eingeweiht. Die Eröffnung war als großer Event geplant: Ministerpräsident Kühn und andere hochrangige Gäste wurden erwartet, der Komponist Henze hatte eigens eine Musik für die Feier geschrieben, die dann im Skandal endete. Kurz vor den Feierlichkeiten wurde bekannt, wer da mit der Kunsthalle öffentlich geehrt werden sollte: Richard Kaselowsky, Firmenleiter der Oetker-Werke seit 1920 „Nationalsozialist des Herzens" wie das Buch der Gefolgschaft zum 50 Jubiläum der Oetker-Werke 1938 schrieb und Mitglied im Freundeskreis des Reichsführers SS Heinrich Himmler.
Seine weiteren Verdienste um die Förderung des Nationalsozialismus in Bielefeld können Sie der kleinen Dokumentation entnehmen, die wir gerade noch einmal verteilt haben.
Alle hochrangigen Gäste sagten ab, die Bielefelder blieben mit einer peinlichen Eröffnungsfeier unter sich, allerdings auch damals schon begleitet von lauten Protesten vor allem junger Menschen, die politisch aufgewacht waren und es nicht hinnehmen wollten, dass hier Nazis durch die Benennung öffentlicher Gebäude geehrt werden. Es dauerte dreißig Jahre, bis der Name der Kunsthalle geändert wurde. Der Gedenkstein blieb unkommentiert im Eingang und erinnerte an Richard Kaselowsky als Opfer des Krieges.

Vor ein paar Tagen wurde an den 100. Geburtstag von Rudolf-August-Oetker erinnert, dem Chef des Oetker-Konzerns seit 1944, den Mann, von dem sein Sohn 2013 in der ZEIT erklärte: „Mein Vater war ein Nazionalsozialist". Vor 15 Jahren, zu dessen 85. Geburtstag, entschied der Bielefelder Rat, diesem Nazi ein besonderes Geburtstagsgeschenk zu machen: quasi als Ausgleich für die Tilgung des Namens Kaselowsky von der Kunsthalle wurde die Straße, an der Richard Kaselowsky 1944 mit seiner Familie umkam, nach ihm benannt. Auch damals ging das nicht ohne Proteste – aber die politische Scham kannte auch 2001 noch keine Grenze.

Seitdem haben wir, die LINKE, immer wieder auf diesen Skandal aufmerksam gemacht: Viele von Ihnen kennen unser Transparent gegen die Kaselowsky-Straße, das wir unter anderem als stillen Protest bei den Gedenkveranstaltungen zur Reichspogromnacht ausgerollt haben. Die Reaktionen der Passanten zu erleben war schon interessant: von peinlich berührtem demonstrativen Wegsehen auf der einen Seite und dem freundlichen, unterstützenden Kopfnicken auf der anderen Seite und den Kommentaren: „Gut dass ihr da seid! Richtig, dass ihr daran erinnert."

Nun, Sie werden nicht mehr an diesem Transparent vorbeigehen müssen – Sie haben jetzt in dieser Beziehung Ruhe.

Diese Geschichte gehört aber nicht entsorgt und vergessen. Es ist wichtig aufzuarbeiten, wie die politischen Mehrheiten fast 50 Jahre quasi willenlos den Wünschen eines Nazis gefolgt sind. Gerade der Gedenkstein in der Kunsthalle vermischt Opfer und Täter und er beschränkt das Gedenken auf die Opfer des Krieges: was ist mit den Opfern der Gewaltherrschaft der Nazis, den jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die deportiert und ermordet wurden? Was mit den Opfern des Widerstandes, denen wir in der nächsten Woche wieder auf dem Sennefriedhof gedenken.

Die Zusage für eine breite öffentliche Aufarbeitung steht und entsprechende Beschlussvorlagen sollen erarbeitet werden.

Ich möchte mich aber noch bedanken bei der Initiative Anti-Kaselowsky, die diesen Stein jetzt ins Rollen bzw. Kippen gebracht hat. Mitglieder dieser Initiative haben teilweise seit 1968 gegen die Ehrung des Nazis Richard Kaselowsky gekämpft: Danke an Martina, Peter, Herta, Irene, Andreas, Helmut, Fritz, Ruth und die vielen anderen, die nicht vergessen haben. Und Danke für die Flugblatt-Aktion zur Nacht der Museen im April, die den konkreten Anstoß zur heutigen Beschlussfassung gegeben habt. Danke!

Weitersagen

Termine

NOEVENTS

Banner
Banner
Banner
Banner
Banner

Kontakt


DIE LINKE. Ratsfraktion Bielefeld
Niederwall 25
33602 Bielefeld

Telefon: 0521-515080
die.linke@bielefeld.de